Eine Marke wächst. Der Umsatz steigt, neue Vertriebspartner kommen hinzu, die Kampagnen sehen überzeugend aus. Für einen Kaufentscheid ist das der Anfang der Prüfung, nicht ihr Ergebnis. Entscheidend ist, welcher Teil des Wachstums wirtschaftlich trägt und unter neuer Eigentümerschaft fortgeführt werden kann.
PwC Schweiz beschreibt Commercial Due Diligence als Prüfung von Markt, Kunden und Wettbewerb sowie der qualitativen und quantitativen Belastbarkeit des Businessplans. Für die Marketingperspektive leiten wir daraus drei konkrete Prüffelder ab.
Wachstum in seine Bestandteile zerlegen
Betrachten Sie die Umsatzkurve nicht isoliert. Trennen Sie Preisänderungen, verkaufte Mengen, neue Distribution und die Entwicklung bestehender Kunden. Prüfen Sie ausserdem, ob Grossaufträge, eine Produkteinführung oder eine einzelne Promotion den betrachteten Zeitraum prägen. Ein einmaliger Verkaufsschub und wiederkehrende Nachfrage benötigen unterschiedliche Annahmen im Geschäftsplan.
Bei direkt verkaufenden Marken sollten Sie Kundengruppen nach Erwerbszeitpunkt und Akquisitionskanal vergleichen: Wer kauft erneut, in welchem Abstand und mit welchem Beitrag nach Rabatten und Retouren? Im Handel ist zusätzlich wichtig, ob die Zahlen Lieferungen an Vertriebspartner oder tatsächliche Verkäufe an Endkunden abbilden. Neue Regalplätze sind eine Chance, aber noch kein Beleg für wiederholten Abverkauf.
Für Schweizer Premium-Marken lohnt sich zudem die Trennung nach Absatzmarkt und Währung. Sonst können Preis- oder Wechselkurseffekte als operative Verbesserung erscheinen. Stimmen Sie Definitionen mit der finanziellen Prüfung ab. Unterschiedlich abgegrenzte Umsatz- und Kostenzahlen ergeben keine belastbare Marketingrendite.
Abhängigkeiten und Übertragbarkeit prüfen
Eine starke Marke kann kommerziell trotzdem verletzlich sein. Prüfen Sie, wie viel Umsatz von einzelnen Händlern, Plattformen, Produkten oder Personen abhängt. Ein überzeugender Markenauftritt beantwortet nicht, wer die Kundenbeziehung kontrolliert oder welche Fähigkeiten nach dem Kauf im Unternehmen verbleiben.
- Kundenzugang: Welche eigenen Daten und direkten Kontaktmöglichkeiten bestehen tatsächlich? Welche Daten dürfen für die vorgesehenen Zwecke genutzt werden?
- Konten und Rechte: Wer kontrolliert Werbekonten, Domains, Analysen und Inhalte? Welche Nutzungs- und Übertragungsrechte sind dokumentiert?
- Operative Leistung: Welche Agenturen, Mitarbeitenden oder Gründerbeziehungen tragen das Wachstum? Was kostet es, diese Leistung zu erhalten?
- Nachweise: Lassen sich zentrale Produkt- und Markenversprechen anhand belastbarer Unterlagen nachvollziehen?
Die Marketingprüfung sammelt hier Befunde und wirtschaftliche Auswirkungen. Rechtliche Fragen zu Daten, Verträgen und Rechten gehören zur zuständigen juristischen Prüfung. Fehlende Unterlagen sind zunächst eine offene Annahme, kein automatisches Urteil über die Marke. Sie müssen aber vor einem verbindlichen Entscheid geklärt oder im Szenario berücksichtigt werden.
Aus dem Befund einen ausführbaren Plan machen
PwC weist in seiner Einordnung zur Transaktionsplanung darauf hin, dass Annahmen zu Kosten- und Umsatzsynergien hinsichtlich Umfang und Realisierungszeit zu optimistisch ausfallen können. Der Praxisbeitrag empfiehlt klare Ausgangswerte, Verantwortliche und eine zeitlich definierte Umsetzung. Für das Marketing heisst das: Potenzial ist erst dann planbar, wenn seine Voraussetzungen sichtbar sind.
Ordnen Sie deshalb jede wesentliche Wachstumsannahme einem Nachweis und einer Massnahme zu. Soll die Wiederkaufrate steigen, brauchen Sie eine verlässliche Ausgangsbasis, ein passendes Angebot und jemanden, der die Umsetzung verantwortet. Soll ein zusätzlicher Markt erschlossen werden, gehören Marktzugang, lokaler Aufwand und verfügbare Kapazität in dieselbe Rechnung.
Ein 100-Tage-Plan sollte zunächst Zugang und Kontinuität sichern, offene Annahmen testen und wenige priorisierte Hebel umsetzen. Er ist keine Garantie, dass alle Wachstumsziele in diesem Zeitraum erreicht werden. Eine Marketing Due Diligence ergänzt damit die finanzielle und rechtliche Prüfung um eine konkrete Antwort: Welche kommerzielle Leistung übernehmen Sie – und was ist nötig, damit sie weiterträgt?
Sie kaufen nicht die Umsatzkurve. Sie übernehmen die Voraussetzungen, unter denen sie entstanden ist – und die Verantwortung für ihre Fortsetzung.
Quellen